“Die Schweizer Wirtschaft steht im grossen Ganzen eigentlich ganz gut da”, sagt der Wirtschaftsprofessor Mathias Binswanger von der Fachhochschule Nordwestschweiz. Abgesehen, dass er beim ersten Eindruck eher wie ein Bergsteiger und Marathonläufer wirkt, müssen seine “wissenschaftlich” legitimierten Aussagen ernsthaft in Zweifel gezogen werden.
1. Ein Begriff wie “eigentlich” ist mehr feuilletonistisch als wissenschaftlich. Was steckt hinter diesem Wort, das hier als Worthülse auftritt?
2. “Im grossen Ganzen” ist ebenso flauschig. Die Wissenschaft ist den Details verpflichtet und nicht der Pauschale.
3. “Die Schweiz ist ein kleines Land mit relativ viel Geld. Folglich gibt es in der Schweiz nicht genügend Investitionsmöglichkeiten.” Aha, es gibt zu wenig Investitionsmöglichkeiten? Viele sind da anderer Meinung. Wir könnten
- unsere Autobahnen auf internationales Niveau bringen
- die Privatisierungen vorantreiben
- unseren Maschinenbau ausbauen
- unsere Eisenbahn an das internationale Hochleistungsnetz anschliessen
- mehr Geld in junge Unternehmer investieren, die dringend auf Geld warten.
Herr Professor, Sie meinten sicher, es gebe nicht genügend rentable Investitionsmöglichkeiten gemessen an den Erträgen der Banken und der Pharmaindustrie.
4. Er fährt fort: “Wir können uns in der Schweiz tiefere Wachstumsraten leisten als in anderen Ländern, ohne an Wohlstand zu verlieren.” Solchen Unsinn habe ich schon lange nicht mehr gehört. Teile des Schweizer Volks werden laufend immer ärmer und verschulden sich, leasen Autos, weil das Geld für einen Kauf nicht mehr vorhanden ist. Wissenschaftlich wäre der Satz: “Eine Minderheit in- und ausländischer Reicher werden steuerlich wenig belastet und immer reicher; eine wachsende Mehrheit der Bevölkerung immer ärmer.”
5. “Hier ist der Binnenmarkt gesättigt, grosse Wachstumsraten liegen nicht mehr drin.” Ich kann Ihnen versichern, Prof. Binswanger, der Binnenmarkt ist überhaupt nicht gesättigt. Etwa zwei Millionen Schweizer würden gerne an mehr Wachstum teilhaben, wenn Professoren nicht meinten, ihr staatlich gesichertes Jahressalär sei der Massstab aller Dinge.
6. Über die Produktion: “Weil die Lohnkosten den wesentlichsten Teil der Gesamtkosten ausmachen, spielt das für die Firmen eine grosse Rolle.” Ich darf berichtigen: In der Schweizer Industrie sind heute die Lohnkosten tief wie nie; sie sind ein immer unbedeutenderer Teil der gesamten Produktionskosten. C’est la realité, M. le professeur.
Wieso man Hochschullehrer ungestraft derartiges erzählen lässt, ist mir rätselhaft. Wahrscheinlich nimmt dies ohnehin niemand mehr ernst.