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Weblog "Early Bird"

Der türkische Hebel – eine Warnung für den Westen?

22. August 2018 um 14:53

Tayyib Erdogan hat in seinem Leben als Fussballer, Stadtpräsident von Istanbul und „Herrscher aller Türken“ schon manches erreicht. Jetzt fordert er, als NATO-Mitglied, die USA und deren Unterorganisationen, vor allem den IWF, heraus, indem er deren Spielregeln nicht anerkennt. Vorläufig mindestens.

Worum geht es?

Erdogan hat, wie Vladimir Putin und Xi Jinping auch, sein Land auf einen recht dauerhaften Erfolgskurs geführt. Der indische Ministerpräsident Modi bewegt sich in die gleiche Richtung, aber Indien hängt in vielem weit zurück.

Die Abhängigkeit von den Finanzinstitutionen des Westens blieb in hohem Masse erhalten, finanzierten sich viele türkische Unternehmen doch über US-Dollars. Wie sehr dies ein Risiko sein kann, haben seit einem Jahr die internationalen Leer-Verkäufer bewiesen, die gegen die türkische Lira spekulierten und damit bereits über eine Milliarde USD verdienten. Das erinnert an George Soros Spekulation gegen das britische Pfund, was viele Engländer, Schotten und Iren in die Armut trieb.

Erdogan verweigert die hilfreiche Hand der USA bisher ebenso wie die des Internationalen Währungsfonds, weil er weiss, dass er damit seinen politischen Spielraum einengt. Nun stellt sich die Frage, wer ihm aus der Falle hilft.

Katar hat ihm offiziell 15 Milliarden US-Dollars angeboten, um die türkische Wirtschaft zu beleben. Das sind „peanuts“ angesichts der Dollarschulden der türkischen Wirtschaft.

Wenn die Russen, die Chinesen, die Inder und einige andere, die nicht mehr unbedingte, sondern nur noch taktische Freunde der USA sind, eines Tages zusammen stehen, um geschwächte Länder vor dem Zugriff der US-Amerikaner zu retten, bricht den „westlichen Führungsmächten“, die USA allen voran, mehr als nur ein Zacken aus der Krone.

Ich denke, wir leben in den grossartigsten Zeiten, die man sich vorstellen kann. Wir leben in einer Zeitenwende, wo die Zukunft der „Welt des weissen Mannes“ sich in der nächsten Generation entscheiden wird. Die Imperien haben wir verloren. Wir sind im Begriff, auch die philosophisch-kulturelle Führung zu verlieren. Wirtschaftlich hält uns der US-Dollar am Leben, aber sonst gar nichts.

Durch die Welt in acht Wochen

20. August 2018 um 8:47

Weltreisen per Schiff und Flugzeug sind bei älteren Schweizern, die gerade ihre Firma verkauft haben, grosse Mode. Nach Jahrzehnten des „Chrampfens“ will man sich etwas gönnen. Meist kommen die Teilnehmer etwas erschöpft, etwas dicker und nicht wesentlich intelligenter zurück: „Ah, die Schweiz, wie schön….“

Wer die Welt und deren für viele undurchschaubare Entwicklung besser verstehen will, bleibt im kommenden Oktober und November besser in Zürich und besucht die fünf Veranstaltungen an der Uni Zürich des www.siaf.ch, des Schweizerischen Instituts für Auslandforschung. Dessen Präsident, Dr. Martin Meyer (NZZ), hat ein Vortragsprogramm angerichtet, das höchstens in den beiden europäischen Weltstädten Berlin und Wien übertroffen wird. Die Vorträge in der Aula der Universität Zürich sind zudem gratis, weil ein gutes Dutzend der grössten Schweizer Konzerne die Anlässe finanziert und damit einen wichtigen Beitrag zur Orientierung unseres demokratischen Volkes wie studentischen Nachwuchses leistet.

In diesem Herbst soll uns in fünf Auftritten die Schweiz, Europa und die Zukunft der Welt erläutert werden. Mit 5×2 Stunden Gesamtaufwand erfahren die Teilnehmer sicher mehr und Bedeutenderes als auf einer wochenlangen Schiffs- oder Flugreise.

Warum?

. Der Präsident der Republik Polen, Dr. Andrzej Duda, wird am 9. Oktober (jeweils 18.30 Uhr) erläutern, ob Polen noch in die EU passt und zu welchen Bedingungen.

. Der deutsche Aussenminister a. D. Sigmar Gabriel wird am 23. Oktober „Europa in einer unbequemen Welt“ beschreiben. In der NZZ-Ausgabe vom 18. August hat deren Chefredaktor Dr. Eric Gujer in einem Leitartikel deutlich gemacht, warum Europas Linken der Kompass fehlt. Ob Gabriel ihn an diesem Vorabend widerlegt?

. Am 15. November wird Dr.Ignazio Cassis, der Schweizer Aussenminister, seine Navigationskünste für „Die Schweiz in Europa“ vorstellen. Eigentlich will er den Rahmenvertrag mit der EU bis dahin in den Tüchern haben, aber wer weiss…?

. Am 20. November stehen „Die Krisen des 21. Jahrhunderts in historischer Perspektive“ zur Debatte. Es spricht Prof. Dr. Andreas Rödder von der Universität Mainz. Er will uns sagen, ob das Ende des Westens bevorsteht oder nur ein Weltkrieg analog zu 1914.

. Dann, am 29. November, der mit seinen Prognosen bisher gescheiterte Weltstar Prof. Dr. Francis Fukuyama von der Stanford University (bekanntlich dem US-Militär und dem Silicon Valley nahe stehend). Er spricht über „Die Zukunft der Liberalen Weltordnung“ und verlangt „einheitliche nationale Identitäten zu stärken, die integrierende Kräfte freisetzen“. Ich erwarte dort Dr. Christoph Blocher und SVP-Präsident Albert Rösti, die über diese Vortragsanlage nicht unglücklich sein werden.

„Spiritus Rector“ dieser Weltreise ist Dr. Martin Meyer, der grosse Geist des NZZ-Feuilletons während fast 30 Jahren. Er ist sicher einer der grossen Zeremonienmeister der Zürcher Kultur, dessen Begrüssungsreden manchen schwächeren Referenten schon gerettet haben.

Ich empfehle eine solche Zürcher Weltreise von Herzen.

Erdogan – sein Volk – der Emir

17. August 2018 um 13:59

Als Tayyib Erdogan in einer dramatischen Rede sein Volk aufrief, die US-Dollars unter den Kopfkissen hervor zu nehmen, um die eigene Währung zu retten, begann ich sofort zu rechnen: 90 Mio. Türken, davon 20 Mio. Haushalte mit durchschnittlich 1000 USD, das würde 20 Milliarden USD ergeben.

Jetzt kam ein noch reicherer Retter, Tamim bin Hamad Al-Thani, der Emir von Katar. Er bot 15 Mia. USD als Hilfsgeldern für die Türkei. Bisher liegt kein Bericht vor, was er dafür verlangte.

Viele Türken haben weiter US-Dollars gekauft; vielleicht trauen sie beiden nicht.

Die EU ist ein Avatar, dessen wahrer Körper unsichtbar ist

15. August 2018 um 12:41

Die Zahl der Zeugen wird grösser, die bestätigen, dass der vormalige deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble zur Stabilisierung der Währungsunion der griechischen Regierung den Austritt aus der EU angeboten hat mit dem Hinweis, er werde den Exit der Griechen „grosszügig unterstützen“.

Es gibt auch namhafte deutsche Ökonomen und nicht nur linke Politiker, die den heutigen Zustand Griechenlands als „soziale Katastrophe“ bezeichnen.

Was bedeutet dies?

Die EU hat während Jahrzehnten erfolgreich den Eindruck vermittelt, sie sei eine erfolgreiche Friedensmission, die den Europäern grossen Wohlstand gebracht habe.

Das ist nicht der Fall.

Die EU ist vor allem eine undemokratische Institution, denn nur in ihren Mitgliedsstaaten gibt es handlungsfähige demokratische Strukturen. Hinter diesem Avatar EU steht in Wirklichkeit das autoritäre Regime der Währungsunion. Die EU-Behörden haben mit Hilfe des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) das europäische Recht extrem konstitutionalisiert. Die neoliberale Wirtschaftsfreiheit wurde von der EU in einem Masse eingeschränkt, wie dies in keinem ihrer Mitgliedsstaaten möglich wäre. Gleichzeitig hat sie europäische Wirtschafts-Cluster (Raum- und Luftfahrt, Auto und Verkehr, Chemie und Pharma) extrem gefördert und weite Bereiche der Wirtschaft, darunter auch die Landwirtschaft, nach aussen abgeschottet.

Der soziale europäische Bundesstaat ist daraus nicht entstanden. Im Gegenteil: Es steht zu befürchten, dass nach den Griechen auch Millionen anderer Europäer tendenziell eher verarmen als dass sie reicher werden. Wie in Italien die Infrastruktur zusammen bricht, haben wir gerade jetzt erlebt.

Wolfgang Schäuble, der heute Präsident des Deutschen Bundestages ist, wusste immer, dass er die Währungsunion zum Vorteil Deutschlands stützte. Er vertrat das Lager der Monetaristen und wusste sich gegen die Keynesianer (Varoufakis) durchzusetzen.

Die EU steckt jetzt in einer Patt-Situation, die offensichtlich nicht aufhebbar ist. Es sei denn, Brüssel verzichte auf Teile seiner Macht und gebe den Mitgliedern wieder mehr Spielraum. Ob deren Parteien und Regierungen dann bessere und verantwortungsbewusstere Europäer werden, wäre eine riskante Wette.

Spass heisst der Gott der Gegenwart

14. August 2018 um 14:12

Von kalifornischen Milliardären finanziert, hat sich im Strategiespiel „Dota 2 – Defense oft the Ancients“ die Künstliche Intelligenz (KI) gegen fünf Bots-Profispieler durchgesetzt. Das wird, auf anderen Handlungsfeldern, künftig noch öfter vorkommen.

Aufschlussreich ist aber, wie einer der menschlichen Starspieler, Austin „Capitalist“ Walsh, auf Twitter die Niederlage der „humans vs. KI“ kommentierte: „Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so nutzlos gefühlt, aber wir haben wenigstens Spass. Ich denke, wir sind die Sieger der Herzen. Im Spiel gewinnen können wir jedenfalls nicht.“

Gibt es eine schönere Parabel für vieles, was die Menschen in der Schweiz jetzt erleben?

  • „Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so nutzlos gefühlt.“ Millionen Menschen empfinden dies, wenn sie keinen Arbeitsplatz finden oder nur einen Billig-Arbeitsplatz haben. Sie empfinden es, wenn sie nicht befördert oder entlassen werden. Sie sehen die Gewinner und sich selbst als Verlierer.
  • „…aber wir haben wenigstens Spass.“ Es ist der Spass, die Lockerheit, das Offene, in welchen sich jene retten, die ahnen, es könnten Verlierer aus ihnen werden. Gerade in der Schweiz, mit „Street Parade“ und Sommerfesten an jeder Strassenecke, gilt der Spass als Gott der Gegenwart.
  • „Ich denke, wir sind die Sieger der Herzen.“ Ist es nicht unglaublich, wie bei uns Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler, Künstler und Ärzte stets behaupten „mit Herzblut“ bei der Sache zu sein? Vielerorts können wir nicht mehr mithalten, auch im Sport nicht, sind aber „mit vollem Herzen“ dabei. Gewinnen tun andere.
  • „Im Spiel gewinnen können wir jedenfalls nicht.“ Das ist der Kern der Wahrheit, die es zu erkennen gilt. Wir sind im Begriff, vom Gipfel des Erfolgs abzusteigen. Deshalb müssen wir die Zukunft nicht suchen, sie ist da.
  • Die laufende Saison der „Salzburger Festspiele“ ist ein perfektes Beispiel dafür, welcher Zeitgeist der dort weilenden Schweizer, europäischen und globalen Elite, gesponsert von Nestlé und anderen Weltkonzernen, vermittelt wird.
  • Hinreissend Richard Straussens „Salomé“, die man eigentlich schon lange nicht mehr sehen wollte, denn Salomés Tanz vor dem König wurde schon zu oft gut getanzt. Asmik Grigorian, die wir schon in Zürich sehen und hören durften, bot perfektes tragisch-spassiges Operntheater, wenn sie immer wieder heulte: „Ich will deine roten Lippen küssen.“ Der geköpfte Johannes, derweil hager-realistisch als Rumpf auf einem Hocker sitzend, bot Todeskühle gegen rasende Leidenschaft. Darüber lässt sich beim späten After-Dinner gut diskutieren. Man kann sich vorstellen, wie diese ausserirdische Szene später in den Hotelsuiten wiederholt wurde.
  • Eine mehr optisch-akustische Leistung kam dann mit Claudio Monteverdis „Poppea“ auf die Bühne. Spass in höchster Konzentration. Nacktes, Wildes und Komisches durcheinander gewürfelt, ganz so, wie es die vornehme Gesellschaft in Salzburg gerne hätte. Etwas Bordellhaftes, dem der gemordete Sokrates erstaunt zusehen musste.
  • Von Bayreuth und München nach Salzburg ist ein langer künstlerischer Weg. Salzburg hat heuer eine grosse Saison. Zürich mit seiner „Street Parade“ wirkt dagegen proletarisch.
  • Die jetzt beginnenden Zürcher Theaterwochen haben bei den Unternehmern, die als Sponsoren stets gebraucht werden, wenig Begeisterung gefunden. Neben Stadt und Kanton Zürich beteiligen sich die Staatsbank, die Zürcher Kantonalbank, und die Swiss Re des Ur-Zürchers Walter Kielholz, an den Kosten. Geboten wird politisches Theater, wo Solidarität gefordert und die Schweiz als „Kolonialismus ohne Kolonie“ vorgestellt wird.

 

Das prominente Zürich ist ohnehin eher in Salzburg zu finden.

Warum man als Spitzenpolitiker schizophren sein muss

13. August 2018 um 11:04

Stellen wir uns die Schweiz und die EU einmal als Pärchen vor, das miteinander Walzer tanzt: Zwei politische Köpfe, bis zum Nabel eng zusammen gewachsen, nehmen die EU-Staaten doch 50% unserer Exporte auf und wir importieren sogar noch mehr. Südlich des Nabels gehen die vier Beine auseinander: Die EU möchte im gleichen Dreivierteltakt mit uns tanzen. Wir hüpfen aber wie wild hin und her und nicht einmal wir selber sind in der Lage, unsere Beine zu beherrschen. Macht das Sinn?

Zweites Beispiel: US-Präsident Donald Trump sitzt vertraut mit Wladimir Putin am Gesprächstisch; die beiden verstehen sich. Gleichzeitig geht die US-Administration in Washington D.C. wie wild auf Russland los und verschärft laufend die Handelsbarrieren. Beide Weltmächte werden damit ärmer.

Drittes Beispiel: Die türkischen Industriellen und der türkische Staat leihen sich seit über zehn Jahren Milliarden an US-Dollars, um damit zu expandieren: Neue Geschäfte, Einkaufszentren, Wolkenkratzer in Istanbul. Das Ergebnis: 70% der Geschäftstätigkeit in der Türkei werden mit Fremdwährungsschulden finanziert, meistens in USD. Amerikanischen Investoren gehören die Hälfte aller Aktien an den türkischen Börsen und ein Viertel aller türkischen Staatsanleihen. Der Sturz der türkischen Lira macht die Rückzahlungen fragwürdig.

Gleichzeitig geht Donald Trump massiv gegen die Türkei vor. Er ist im Begriff, seinen NATO-Partner, der leichtfertig investiert hat, zu ruinieren. Für wen macht das Sinn?

Für den Normalbürger sehen diese drei Fälle wie schizophrenes Handeln aus. Fragen wir besser nicht, was dahinter steckt, wenn etwas dahinter steckt.

Ein Jahr vor den Wahlen: Die Schweiz ist BBB – Berner Bundeshaus-Blamagen

9. August 2018 um 14:54

Was sich jetzt rund um das Bundeshaus abspielt, lässt für das bevorstehende Wahljahr Schlimmes ahnen:

  • „So geht man mit einem Bundesrat nicht um“, sagt Johann Schneider-Ammann. Unser Wirtschaftsminister hat offensichtlich das Emmental geistig nie verlassen. Er kann nicht begreifen, dass der in den letzten Jahren wenig erfolgreiche Schweizerische Gewerkschaftsbund diese Schlacht um die flankierenden Massnahmen nicht verlieren will. Wo kluges Verhandeln notwendig gewesen wäre, stehen wir nun vor einem Scherbenhaufen, denn die Zeit der „Herren von Bern“ ist vorbei.
  • Wir haben im Inland schlecht verhandelt und machen seit über Jahren auch in Brüssel keinen Punkt mehr. Nicht die EU wird schwächer, wie unsere Auguren stets vermutet haben, sondern die Schweiz verliert an Gewicht. Das spürt Schneider-Ammanns Parteifreund, Aussenminister Cassis, mehrfach. Seine Position in Brüssel ist einfach hoffnungslos.
  • Dr. Carl Baudenbacher, unser vormaliger Präsident des EFTA-Gerichtshofes, hat während Jahren vor dieser Situation gewarnt, aber unsere politische BBB-Elite wollte auf diesen erfahrenen und klugen Juristen nicht hören

Die FDP hat damit gleich zwei schlechte Karten in der Hand. Parteipräsidentin Gössi hat in dieser Situation nur gesagt: „Ich will nicht Bundesrätin werden.“ Ist dies alles?

Sie hätte über die Herausforderung sprechen können, die uns aus Wien erwächst. Dort gewinnt der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz international laufend an Gewicht. Kurz, der einen guten Draht zu den osteuropäischen EU-Staaten hat, Viktor Orban an der Spitze, kann diese Karte auch in Brüssel ausspielen, wo man immer weniger an ihm vorbei kommt. Er hat durch seine Botschafterin in Brüssel die Schweiz via „Schweizer Monat“ wissen lassen, wir sollten uns nun endlich einmal bewegen. Sind wir vielleicht der kleine Bruder Österreichs geworden und machen die demnächst „Schweizerwitze“ über ein zunehmend rückständiges Land, das früher nur den Witz über die Österreicher kannte?

Für die CVP sieht es nicht viel besser aus. Parteipräsident Gerhard Pfister, der das ist, was man „eine ehrliche Haut“ nennt, steht vor der schwierigen Aufgabe, seine Bundesrätin, Doris Leuthard, ohne Schaden aus dem Amt zu begleiten.

Doris Leuthard ist im Bundesrat geschwächt, kann sie doch nicht mehr, wie früher, das Zünglein an der Waage spielen. Dazu hat sie Dossiers, die sie lieber heute als morgen abgeben würde:

  • Der „big change“, die Umweltpolitik, ist ein den Bürger Milliarden kostendes Abenteuer, das bisher kaum Ergebnisse gebracht hat. Sie liess Milliarden in den Sandkasten der umweltfreundlichen Energiepolitiker versenken. Kein ernsthafter Mensch glaubt, dies könne zu einem guten Ende führen. Doris Leuthard sucht einen Fluchtweg.
  • Die progressive Verkehrspolitik ihrer Vorgänger hätte sie entschlossen weiter führen müssen; davon ist wenig zu sehen:
  • Die Strassen sind verstopfter denn je. Alleine die Staukosten betragen jährlich zwei Milliarden Franken. Doris Leuthard hat uns nicht beschleunigt, sondern will sogar umfassend Tempo 80 einführen lassen. Das erinnert an Gottfried Keller und „Die Leute von Seldwyla“.
  • Der vernachlässigte Schienenverkehr braucht neue Milliarden, die niemand zur Verfügung stellen will.
  • Unsere Luftverkehrspolitik, vor allem am „hub plus“ am Flughafen Zürich, besteht darin, dem Deutsche Lufthansa-Konzern für seine Ausbaupläne freien Flug zu verschaffen. Die Schweiz zahlt die Spesen und übernimmt die Umwelt-, Gesundheits- und Lärmrisiken, während die Deutschen davon verschont bleiben.

Doris Leuthard, die viele Jahre beste Verkäuferin im Bundesrat, steht in Wirklichkeit vor einem Scherbenhaufen.

Mit den anderen Bundesräten und deren Parteien  werde ich mich in Kürze beschäftigen.

Über die Dummheit von Zeitungs- und Buchverlegern

9. August 2018 um 9:27

Als Grossabonnent von Zeitungen seit Jahrzehnten, dessen Meinung von Verlegern nie erfragt wurde, kann ich nur bestätigen: Die Zeitungsverleger haben sich selbst vernichtet. Als Ausrede benutzen sie das Internet-Zeitalter.

Als Besitzer einer Bibliothek, die sicher mehr als 30 000 Bände umfasst, staune ich, wenn Jungverleger (Buch) Philipp Keel sagt, immer weniger Menschen lesen. Den Blödsinn, den viele unserer Schweizer und deutschen Verleger, publizieren, tue ich mir nicht an.

Noch vor zehn Jahren gab ich 10-12 000 Franken im Jahr für Abonnemente von Printmedien aus. Jetzt ist es ungefähr die Hälfte. Derlei Kleinspesen zu zählen, lohnt sich kaum. Tamedia hat sich selber den grössten Schaden zugefügt: Erst bestellte ich die „Berner Zeitung“ ab, dann den „Bund“. Demnächst werde ich auch die „Basler Zeitung“ abbestellen müssen und die „Zürichsee Zeitung“ auch. Alles ist ein Kuchen.

Weil ich auch die „Süddeutsche Zeitung“ abonniert habe, muss ich vielleicht auch einmal den „Tagesanzeiger“ abbestellen, denn dieser wird der „SZ“ immer ähnlicher.

Die Ringier-Medien behalte ich als Klatschmedien; man muss wissen, was das Volk beschäftigt. Dies ersetzt mir den Stammtisch, wo ohnehin nur nachgebetet wird, was Ringier berichtet.

Die NZZ halte ich mir als Kultblatt, ebenso wie die „Weltwoche“ und andere „specials“. Was dort geschrieben wird, widerspricht sich, ist oft Unfug, aber immer anregend.

Zeitungs- wie Buchverleger haben sich ruiniert nicht wegen der Internet-Konkurrenz, sondern wegen mangelnden Sachverstands.

Einer ist eine Ausnahme, merkt Euch den Namen, Fredy Bayard, der den „Walliser Bote“ übernommen und mit allen Nebenbetrieben in sechs Monaten in die schwarzen Zahlen geführt hat.

Steht Angela Merkel den USA im Weg?

9. Juli 2018 um 8:29

Die Schweiz muss daran interessiert sein, mit Deutschland gut auszukommen. Alleine die beiden benachbarten deutschen Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern sind, jedes für sich, für den Schweizer Aussenhandel wichtiger als das grosse China. Kloten ist heute de facto der Landesflughafen für Baden-Württemberg und die Schweiz. Viele der erfolgreichsten Schweizer Firmen stehen finanziell oder führungsmässig unter der Kontrolle von Deutschen.

Seit Jahren belehren die grossen und kleinen Schweizer Medien die deutsche Regierung in Berlin, wie sie es besser machen könnte. Es ist aber nicht bekannt, dass die Merkel-Regierungen jemals Wirkung gezeigt hätten. Das war schon bei Kanzler Helmut Kohl nicht anders.

Ein Medium, das in Teilen der Schweiz und Deutschlands als Leitmedium gilt, die „Neue Zürcher Zeitung“, schreibt seit Jahren gegen Angela Merkel oder lässt, oft auch drittklassige deutsche Autoren, gegen die deutsche Regierungschefin seitenlange Artikel schreiben.

NZZ-Chefredaktor Eric Gujer, der schon die Wiederwahl von Angela Merkel von seiner Redaktion bekämpfen liess, der dann auch einer Erneuerung der grossen Koalition kritisch gegenüber stand, beides aber ohne Erfolg, schreibt nun in der NZZ-Ausgabe vom 7. Juli persönlich von „Merkels Zermürbung“. Er nennt die Führung von CDU und CSU „ein Irrenhaus“, was der von der NZZ oft eingeforderten Zurückhaltung in anderen wichtigen Fragen nicht entspricht. Er verlangt von der Kanzlerin, sie müsse ihren „semipazifistischen Sonderweg“ aufgeben.

Ich habe die Vermutung, dass wir an dieser Stelle beim Kern des Problems angelangt sind, gehört Gujer doch zu jenen westeuropäischen Intellektuellen, die schon immer ganz nahe bei den Interessen der USA und speziell deren Militärs standen. Er setzt damit eine Linie fort, die schon von seinen Vorgängern verfolgt wurde, was in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts zu Berichten führte, die „Neue Zürcher Zeitung“ gehöre zu den „Einflussredaktionen des amerikanischen Auslandgeheimdienstes CIA“. Das ist harmloser, als es sich liest, war der CIA doch in der Zeit des Kalten Krieges immer bemüht, in jedem wichtigeren Land der Erde 2-3 Redaktionen zu haben, die er mit Informationen füttern und deren verständnisvolle Kommentare er im Gegenzug erwarten durfte.

Natürlich sind offizielle Bestätigungen in derlei Fällen nie zu erwarten. Es gehört zur Praxis, dies zu dementieren.

Die deutsche Kanzlerin scheint einigen Vertretern der US-Administration im Wege zu stehen. Sie war lange Zeit zurückhaltend mit Waffenlieferungen in NATO-nahe Staaten, sie übte auf Wladimir Putin, dessen Land einem US-Handelsembargo unterstellt ist, nicht jenen Druck aus, den man in Washington D.C. von ihr erwartete, und sie gilt als spröde, wenn seitens der US-Amerikaner Forderungen an die deutsche Regierung gestellt werden.

Sie ist für Deutschland mit Sicherheit eine Gewinn-Maximierungskanzlerin, die zwischen deutschem Volk, der deutschen Meinungselite, die einen starken linksliberalen Drall hat, und den deutschen Leitmedien, die ebenfalls meist politisch linksliberal-„fortschrittlich“ argumentieren, ihren Weg sucht.

Die NZZ Deutschlands ist die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, die ebenfalls sehr stark gegen Merkel und deren Koalition argumentiert. Man darf annehmen, dass dies kein Zufall ist.

Die Kanzlerin sucht zweifellos den Weg ihres politischen Mentors, den sie dann auch zu stürzen half, Helmut Kohl in der Europapolitik fortzusetzen. Eric Gujer und andere zweifeln, ob dies angesichts schwacher EU-Strukturen möglich sein wird.

Den USA kann es nur gefallen, wenn in Frankreich und Italien die alten Zweiparteien-Systeme bereits zusammen gebrochen sind. Offen fördern sie den Brexit-Staat Grossbritannien und suchen in Osteuropa Koalitionen, um den Kreis um Russland enger zu schliessen. Eine starke Europäische Union mit starken Politikern, wie Angela Merkel oder Emanuel Macron, ist nicht wirklich im Interesse der USA. Politische Vasallenstaaten und wirtschaftliche Abhängigkeit nicht nur der Staaten Europas sind die Idealvorstellung in Washington.

Mit Angela Merkel und der starken deutschen Exportindustrie ist dies offensichtlich nicht zu haben.

Der Schweizer Eric Gujer, der nach eigener Aussage „Deutschland liebt“, also offensichtlich auch anderthalb oder sogar zwei Herzen in seiner Brust trägt, ein ganzes schweizerisches und ein halbes deutsches, investiert viel Geld des nicht sehr grossen Zürcher Verlags in sein Berliner Abenteuer.

Ich habe in Berlin nachgefragt: Angela Merkel schätzt solche Einflussnahmen wenig und nimmt sie nach Aussagen enger Mitarbeiter aus der CDU auch nicht zur Kenntnis.

Einer ihrer engsten Freunde als Parteistratege ist Volker Kauder, der gerade jenseits der Schweizer Landesgrenze im Südschwarzwald wohnt. Kauder kennt die Schweiz so gut wie jeder Schweizer Politiker. Ihn nicht zum Freund zu haben, wie die am Boden liegende Luftfahrtpolitik zwischen Deutschland und der Schweiz beweist, ist unserem Land wenig dienlich. Kauder hat noch im Frühjahr signalisiert: „Ich sehe keinen Verhandlungsbedarf.“

Womit ich sagen will: Sollten wir Schweizer uns nicht weniger als Frontisten in Berlin darstellen und mehr die Hand zur Freundschaft ausstrecken?

Unser Glück in der Nische

4. Juli 2018 um 16:36

Zwischen Grössenwahn und Bescheidenheit sind die Emotionen des durchschnittlichen Schweizers angesiedelt. Das ist hervorragend, denn die US-Amerikaner der Trump-Zeit sind nur grössenwahnsinnig, den Deutschen hat man die GröWa ausgetrieben, was sie nicht bescheidener gemacht hat, und die Liechtensteiner geben sich ganz bescheiden, weil sie reicher als die Schweizer sind.

Roger Federer stützt unseren Grössenwahn, die Fussball-Nationalmannschaft, sich auf dem gleichen Weg wähnend, holte uns in die Wirklichkeit zurück.

Unsere Politiker, vom Gemeindepräsidenten aufwärts, kultivieren die Bescheidenheit, wahrscheinlich, weil sie nach jenen aus Singapur zu den bestbezahlten der Welt gehören.

Unsere Künstler und Schriftsteller sind extrem bescheiden, weil sie sich selber nicht mehr zur Weltklasse zählen, Europaklasse wäre schon gut.

Sogar die Pfarrer sind extrem bescheiden geworden; si wagen sich kaum mehr auf die Strasse, weil die Mütter ihre Kinder vor ihnen in Sicherheit bringen.

In der Wirtschaft sind wir auch nicht so gross, wie einige unserer Medien dies gerne darstellen. Präsidenten und CEO’s gehören, nach jenen in den USA, zu den bestbezahlten der Welt. Aber sonst?

Die 23 reichsten Europäer weisen alle ein Vermögen von über 20 Mia. Euro aus. Das ist die finanzielle Oberklasse Europas. Weitere zehn können noch knapp mithalten, darunter auch die Basler Familien Hoffmann und Oeri mit 17,5 Mia; der Sturz der Roche-Aktie hat sie fünf Milliarden Euro gekostet.

Dann beginnt schon die Aminus-Elite. Prominentester Schweizer Vertreter ist die Familie Dr. Christoph Blocher mit 13,5 Mia. Euro.

Kein Wunder, dass der Preis für ein anständiges Haus mit Umschwung am Züri- wie am Genfer See bei Fr. 30 Mio. beginnt. Damit nähert man sich der Kasachstan-Klasse, die zusammen mit russischen, ägyptischen und saudischen Oligarchen die Oberklasse bildet.

Der Rest der Einwohner des Landes darf sich zu den Nischenbewohnern zählen, nicht unbedeutend, aber „négligéable“.

Unter den 100 umsatzstärksten Unternehmen der Welt sind nur Glencore (13. Keine Glückszahl, wie das laufende US-Verfahren zeigt) und Nestlé (67) zu finden. Novartis und Roche, wenn auch nicht so gross, können aber an den Börsen bisher mithalten.

Wir müssen den Gedanken annehmen, ein Nischenland zu sein. Wir leben, mit mindestens 300 000 Millionären und 800 000 eher armen Menschen in einer historischen Nische. Noch die meisten unserer Grosseltern waren arm und sparsam. Den Luxus der heutigen Jugend konnte man sich vor 50 Jahren vielerorts nicht vorstellen. Wie lange der Traum noch währt, lässt sich nicht errechnen. Grosse Teile des Mittelstands leben in einer Blase.

Wir gehören zu Europa, denn mit acht Prozent der Weltbevölkerung, die laufend weniger werden, zählt auch Europa zu den Zwergen  dieser Welt. Unsere grosse Zeit ging mit den europäischen Empires vor siebzig Jahren zu ende. Als das Bankgeheimnis leichtfertig aufgegeben wurde und die Globalisierung die Schweiz voll ergriff, begann der Ausverkauf vieler Schweizer Firmen ins Ausland. Seither gilt: Wenn „Schweizer“ auf dem Türschild steht, ist dies immer öfter „fake news“.

Lasst uns den Spätsommer Europas und der Schweiz geniessen. Die Winter werden kälter. Schon zieht es an allen Ecken.

 
     
     
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